Eineinhalb

Eineinhalb

Ich habe lange gebraucht, um das hier zu schreiben. Vielleicht, weil es weh tut. Vielleicht, weil es immer noch schwer ist, ehrlich zu sich selbst zu sein. Oder vielleicht, weil meine Reise nicht in klare Worte passt – weil sie nicht geradlinig ist.

Ich habe viele Anläufe gebraucht, um mich selbst zu verstehen. Es gab Zeiten, in denen andere versucht haben, mich in Identitäten zu drücken, in denen ich mich selbst nicht wirklich wiederfand. Ich hatte da ein zweites Ich – Katie. Und plötzlich wurde aus ihr ein Projekt, ein Beweis, eine Art „Bestätigung“ für andere. Ich wurde mit Fragen konfrontiert, mit Erwartungen, mit Aussagen wie:
„Du bist doch eh trans, du weißt es nur noch nicht.“
„Wenn du Katie bist, dann ist das doch dein wahres Ich, oder?“
„Na komm, warum nennst du dich denn noch Dex, das passt doch gar nicht mehr zu dir.“

Und da stand ich. Ohne Worte. Ohne Werkzeug, um diese Fragen zu hinterfragen. Ich bin autistisch. Zwischenmenschliche Dynamiken, soziale Erwartungen, dieses unausgesprochene „Was will mein Gegenüber von mir?“ – all das war nie meine Stärke. Ich habe oft reagiert, nicht agiert. Ich habe mich angepasst, weil ich dachte, dass es das ist, was man eben tut, um akzeptiert zu werden. Ich dachte, wenn ich den Erwartungen entspreche, dann ist alles gut. Dann habe ich vielleicht meinen Platz.

Also habe ich genickt. Ich habe Katie gezeigt. Ich habe versucht, „trans genug“ zu sein. Ich habe Rollen gespielt, die andere für mich geschrieben hatten. Und jedes Mal, wenn ich mich selbst fragte, ob das eigentlich richtig für mich ist, kam dieselbe Antwort aus dem Nichts: „Was weißt du denn schon? Die anderen haben da sicher recht.“

Aber mit jeder Woche, mit jedem weiteren Mal, wo ich „funktionierte„, weil ich sollte, nicht weil ich wollte, wurde es schwerer. Ich merkte, dass ich innerlich auseinanderfiel. Dass ich nicht wusste, ob ich morgens Dex war oder Katie. Dass ich mich fragte, wer ich wirklich bin.

Ich bin nicht „nur Dex“. Ich bin auch nicht „nur Katie“. Und irgendwann, ganz still und ohne große Ankündigung, habe ich begriffen:

Ich bin beides. Ich bin zwischen den Dingen. Ich bin genderfluid.

Das bedeutet für mich nicht, dass ich mich „entscheide“, mal dies, mal das zu sein. Es bedeutet, dass beides gleichzeitig da ist. Dass ich in manchen Momenten in Dex ganz aufgehe. Und in anderen Momenten Katie bin – weich, sensibel, verspielt, still, manchmal auch aufgedreht und schräg. Es bedeutet, dass ich ein Leben lebe, in dem ich immer irgendwie zwischen den Welten stehe. Und manchmal auch außerhalb.

Katie ist mehr als ein Avatar. Mehr als ein Modell. Sie ist meine andere Stimme. Sie ist mein emotionales Gegenstück. Sie ist, was ich oft nicht zu sein wage, aber so dringend brauche.

Aber es ist nicht immer einfach. Es gibt Tage, an denen ich mich zwingen muss, eine Runde Katie zu sein. Nicht, weil ich sie nicht will – sondern weil dieser innere Schweinehund, dieser verdammte Zweifler, sich meldet. Angst vor Ablehnung. Angst, zu viel zu sein. Angst, gesehen zu werden. Und dann zwinge ich mich trotzdem. Und merke: Es geht. Es tut gut. Ich atme durch. Ich bin vollständig.

Aber dann gibt es auch diese anderen Tage. Manchmal Wochen. Manchmal Monate. In denen Katie einfach… nicht da ist. Nicht weil sie verschwunden wäre, sondern weil das Leben dazwischen schießt. Weil plötzlich alles andere wichtiger ist. Arbeit. Verantwortung. Menschen, die etwas wollen. Systeme, die etwas fordern. Und in genau dem Moment, wo ich mich aufraffe, wo ich mich bereit mache für ein bisschen Katie-Zeit… klopft die halbe Welt an. Und das bricht mir manchmal das Herz.

Denn Katie ist nicht nur ein „Zustand“, in den ich schlüpfe. Sie ist Teil von mir. Und wenn ich sie zu lange ignoriere, wird alles grau.

Und genau wie Katie nicht nur ein Zustand ist, sondern ein Teil von mir, gilt das auch für Dex. Dex ist nicht einfach mein „echter Name“ oder ein Relikt aus der Zeit vor Katie. Dex ist der Fels. Das Arbeitspferd. Der Macher. Derjenige, der durchhält, wenn alles zu viel wird. Der Lösungen sucht, Systeme baut, Dinge am Laufen hält. Ohne Dex gäbe es dieses Leben gar nicht. Er ist der Teil in mir, der Verantwortung trägt, der den Überblick behält, der funktioniert – auch dann, wenn alles andere zusammenzubrechen droht.

Dex ist der Grund, warum Katie überhaupt eine Bühne bekommen konnte. Ich liebe beide Seiten. Auch wenn ich manchmal vergesse, wie viel Kraft Dex wirklich hat.

Trotzdem will ich nicht jammern. Ich weiß, dass ich in vielen Dingen privilegiert bin. Ich weiß, dass ich Katie überhaupt leben kann. Aber ich will ehrlich sein: Es ist nie leicht. Und in Zeiten wie diesen – in einer Welt, die immer lauter, kälter und feindseliger wird gegenüber Menschen mit anderen Identitätsvorstellungen – spüre ich das besonders.

Heute ist Trans Day of Visibility. Und ich wünsche mir, dass ihr – wer auch immer das hier liest – einen Moment innehaltet. Dass ihr heute den Menschen, die sichtbar sein wollen, eure Aufmerksamkeit schenkt. Dass ihr den Menschen, die trans sind, die nichtbinär sind, die genderfluid oder genderqueer sind, zeigt: Ich sehe dich. Ich unterstütze dich.

Denn Sichtbarkeit ist mehr als nur ein Hashtag. Sie ist eine Form von Überleben.

Und falls ihr heute jemanden in eurem Leben kennt, der queer ist, der trans ist, der sich nicht immer sicher fühlt in dieser Welt – schenkt dieser Person ein paar Minuten eurer Zeit. Ein offenes Ohr. Eine ehrliche Umarmung. Ein „Du bist okay, so wie du bist.“

Das reicht manchmal schon, um die Dunkelheit ein wenig heller zu machen.

Und für mich persönlich gilt:

Es wird nie eine Katie ohne Dex geben – und nie einen Dex ohne Katie.

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