Selbstentwicklung

Selbstentwicklung

Es braucht manchmal nicht viel, um etwas zu verändern. Nur einen winzigen Moment der Impulsivität. Eine Entscheidung, die nicht durch wochenlanges Überlegen zerlegt wird, sondern einfach geschieht. Eine einzige Sekunde, in der man sich sagt: „Egal, ich mach’s jetzt einfach.“

Ich war gerade mal vier Wochen in der Gruppe. Ein Neuling, der durch einen einzigen, unscheinbaren Moment ins Unbekannte geworfen wurde. Alles begann mit einem zufälligen Post auf r/VRChat. Ein Event, das angepriesen wurde. Eine Community, die offen schien. Ein Ort, den ich mir ansah – aber nur von außen. Ich trat dem Discord-Server bei, las ein paar Nachrichten, ließ es auf mich wirken. Aber mitmachen? Nein. Viel zu früh. Vielleicht irgendwann. Vielleicht nie.

Ich habe viele solcher „Vielleicht irgendwann“-Momente. Dinge, die ich tun könnte, aber nicht tue, weil sie zu groß, zu beängstigend, zu ungewiss erscheinen. Vielleicht kennen das andere auch – das ewige Aufschieben, das Feststecken in der eigenen Unsicherheit. Ein Teufelskreis aus „Was, wenn es schiefgeht?“ und „Vielleicht wäre es besser, einfach in der Komfortzone zu bleiben.“

Und dann kam dieser eine Abend. Drei Minuten vor Beginn eines „Talk & Chill“-Events. Mein Kopf war müde vom ewigen Zerdenken, und dann war da dieser plötzliche Impuls – diese seltene, aber mächtige innere Stimme, die sagte: „Fick drauf.“

Drei Minuten. Ich meldete mich an. Ohne groß nachzudenken.

Ich setzte das Headset auf. Befestigte meine Tracker. Hörte mein Herz in meiner Brust pochen. Mein Körper schrie förmlich: „Machs nicht! Scheiß Idee!“ – aber ich ignorierte ihn. Und plötzlich war ich da.

Das erste Gespräch war einfacher, als ich gedacht hätte. Worte flossen. Keine peinliche Stille, kein Druck, „interessant genug“ sein zu müssen. Nur ein gegenseitiges Zuhören, ein Austausch von Gedanken. Und dann dieser Moment: Ich erzählte von meinen Erfahrungen, davon, wie ich die Welt sehe. Und als Antwort bekam ich etwas, das ich nicht erwartet hatte – jemand sagte mir, dass meine Worte ihre Sichtweise verändert hatten. Dass sie ihre Perspektive auf etwas neu überdachte. Dass sie durch unser Gespräch nicht mehr nur das Hindernis in etwas sah, sondern die Stärke dahinter.

Ich weiß nicht, ob ich das jemals begreifen werde. Dass Worte, die für mich einfach nur Gedanken waren, für jemand anderen eine echte Veränderung bedeuten können.

Mein zweites Gespräch war lockerer. Die Angst ließ langsam nach. Es ging um Technik, um Interessen, um kleine nerdige Details, die man mit den meisten Leuten nicht teilen kann, weil sie es nicht verstehen oder nicht verstehen wollen. Aber hier? Hier war das normal. Und genau das war der Punkt, an dem ich begann, mich langsam wohlzufühlen.

Dann kam das dritte Gespräch. Und es traf mich wie ein Schlag.

Ich hatte nie wirklich darüber nachgedacht, aber als es zur Sprache kam, sagte ich es einfach: Dass ich in meinem Leben noch nie bewusst ein echtes Kompliment ins Gesicht gesagt bekommen hatte, eines, das nicht offenbar aus sozialer Nettigkeit gesagt wurde. Ich hatte es nicht einmal inhärent vermisst – es war einfach ein Zustand, den ich als gegeben angenommen hatte. Immer der Außenseiter, immer derjenige, der in Gruppen irgendwie… nicht ganz dazugehörte.

Und dann bekam ich plötzlich eins. Kein höfliches „Oh, nett von dir“, kein aus Pflichtgefühl hingesagtes Lob. Sondern etwas Echtes. Ehrlich. Direkt.

Ich verstummte. Und kämpfte gegen Tränen.

Ich komme aus einer Welt, in der Emotionen – vor allem solche, die als „schwach“ gelten – nicht erwünscht sind. Weinen? Undenkbar. Also tat ich das, was ich immer tue: Ich verdrängte es. Ich lenkte ab. Ich wechselte das Thema. Aber innerlich tobte es.

Nach diesem Abend lag ich stundenlang wach. Mein Kopf kreiste immer wieder um diesen Moment. Um die Erkenntnis, dass da eine Lücke in mir war, von der ich nicht einmal wusste, dass sie existierte. Und um die Frage, was es bedeutet, wenn man plötzlich etwas bekommt, von dem man nicht wusste, dass man es gebraucht hat.

Langsam begann ich zu realisieren: Diese Community, diese Eventreihe, diese Menschen – sie halfen mir, mich einer Angst zu stellen, die ich mein Leben lang mit mir herumtrug. Ich sprach über Dinge, über die ich sonst nie rede. Ich sprach über den dunkelsten Tag meines Lebens. Über den Moment, in dem ich entschied, nicht mehr die Person zu sein, die ich damals war. Über die Entscheidung, jemand Neues zu werden. Ich sprach über das Schreiben, über Spieleentwicklung, über Träume. Und ich hörte zu. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte sich ein Gespräch nicht nur wie eine Ablenkung von der Einsamkeit an, sondern wie etwas Echtes.

Ich neige dazu, mich an einzelne Menschen zu hängen, die nett zu mir sind. Aber dieses Event zwang mich, immer wieder neue Gespräche zu führen. Ich konnte mich nicht einfach an eine Person klammern und hoffen, dass sie mich durch den Abend zieht. Es zwang mich dazu, aus meiner Komfortzone auszubrechen. Und nach und nach begann ich, die Angst loszulassen.

Ich beobachtete andere. Ihre Spontanität, ihre Art, mit Dingen umzugehen. Ihr Mut, einfach zu reden, zu lachen, zu leben. Und langsam, ganz langsam, begann ich zu verstehen: Ich muss nicht perfekt sein. Ich muss nicht alles durchplanen. Ich muss nicht immer auf Nummer sicher gehen.

Ich blieb beim letzten Event bis weit nach dem offiziellen Ende. Zum ersten Mal seit Jahren spielte ich „Wahrheit oder Pflicht“. Ein Spiel, das mir in meiner Jugend oft Schmerzen bereitet hatte. In dem ich nie die witzigen Aufgaben bekam, sondern immer die Strafe war. „Berühre Dex als Mutprobe.“ „Setz dich neben Dex, wenn du dich traust.“

Aber diesmal war es anders. Diesmal war es… okay.

Acht Stunden VR. Drei Uhr morgens. Ich zog das Headset ab und fühlte mich, als wäre ich durch einen Sturm gegangen. Mein Kopf war voll mit Gedanken, mit Erinnerungen, mit Emotionen, die ich so lange unterdrückt hatte.

Und es begann alles mit einem einzigen Moment der Impulsivität.

Ein Sprung ins Unbekannte.

Und vielleicht – nur vielleicht – war es genau das, was ich gebraucht habe.

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