Ende des Holzstegs

Ende des Holzstegs

Es gibt diesen Punkt, an dem politische Entwicklungen nicht mehr nur abstrakt wirken, nicht mehr nur in Talkshows oder Diagrammen stattfinden, sondern sich in den eigenen Alltag hineinziehen, in Rechnungen, in Zukunftsplanung, in dieses leise, aber stetige Gefühl, dass etwas aus dem Gleichgewicht gerät – und genau an diesem Punkt bin ich angekommen.

Wenn ein Bundeskanzler wie Friedrich Merz sich öffentlich als Teil der „Mittelschicht“ einordnet, während er sich in einem Einkommensbereich bewegt, der für die meisten Menschen in diesem Land unerreichbar ist, dann ist das kein kleiner rhetorischer Ausrutscher mehr, sondern ein Symptom dafür, wie weit Wahrnehmung und Realität auseinanderliegen können, ohne dass es innerhalb der politischen Kommunikation noch auffällt.

Wenn gleichzeitig über steigende Belastungen für Arbeitnehmer gesprochen wird, über längere Lebensarbeitszeiten, über höhere Abgaben, über Einschnitte, die vor allem diejenigen treffen, die ohnehin wenig Spielraum haben, während große Vermögen weiterhin nur sehr vorsichtig oder gar nicht angetastet werden, dann entsteht ein Ungleichgewicht, das sich nicht mehr wegdiskutieren lässt, egal wie oft man versucht, es als notwendige Maßnahme zu framen.

Wenn energiepolitische Diskussionen von Figuren wie Katherina Reiche geprägt werden, deren Vergangenheit in der Energiewirtschaft offen bekannt ist, und gleichzeitig Narrative wieder an Gewicht gewinnen, die fossile Lösungen stärker betonen als den konsequenten Ausbau erneuerbarer Energien, dann stellt sich zwangsläufig die Frage, wessen Interessen hier eigentlich priorisiert werden und wie unabhängig diese Entscheidungen tatsächlich sind.

Wenn im Bildungsbereich Programme gekürzt oder gestrichen werden, die gezielt Menschen mit Einschränkungen unterstützen sollen, dann trifft das nicht „das System“, sondern ganz konkret diejenigen, die ohnehin schon mehr Hürden haben als andere, und genau dort hinterlässt Politik ihre sichtbarsten Spuren.

Wenn ein Politiker wie Jens Spahn sich öffentlich queerfeindlich äußert und damit Positionen vertritt, die für viele Menschen nicht abstrakt, sondern unmittelbar verletzend sind, während gleichzeitig innerhalb politischer Strukturen kaum spürbare Konsequenzen für Verschwendung von Milliarden bei Maskendeals und Korruption folgen, dann entsteht ein Klima, in dem Zugehörigkeit wieder zur Verhandlung gestellt wird, obwohl sie es längst nicht mehr sein dürfte.

Und während all das passiert, wird ein Narrativ immer wieder reproduziert, das erstaunlich simpel ist und gleichzeitig erschreckend wirksam bleibt: Die Probleme liegen angeblich „links“, die Ursachen werden verschoben, Verantwortung wird umgedeutet, und komplexe Entwicklungen werden auf Schlagworte reduziert, die sich gut verkaufen lassen.

Das Ergebnis davon sieht man inzwischen sehr deutlich in den Umfragen, in denen die AfD als stärkste Kraft auftaucht oder zumindest in diese Richtung wächst, und genau hier entsteht dieser Moment, in dem Frustration in etwas anderes kippt, in ein Gefühl von Ohnmacht, in die Frage, ob rationale Argumente überhaupt noch durchdringen, wenn die Realität gleichzeitig immer komplizierter und die Antworten immer einfacher werden.

Und genau an diesem Punkt wird es gefährlich, nicht weil Menschen plötzlich irrational wären, sondern weil sie anfangen zu glauben, dass ihre Mittel nicht mehr ausreichen, dass Beteiligung nichts verändert, dass Diskussionen ins Leere laufen, dass Systeme nicht mehr reagieren, selbst wenn die Probleme offensichtlich sind.

Ich merke, wie nah man an diese Grenze kommt, wenn man lange genug zusieht, wie sich Entscheidungen stapeln, die sich falsch anfühlen, wie Konsequenzen ausbleiben, wo sie nötig wären, und wie gleichzeitig die Lebensrealität für viele Menschen spürbar schwieriger wird.

Das hier ist kein Aufruf zu irgendetwas. Es ist eine Zustandsbeschreibung. Ich habe keine Geduld mehr für politische Kommunikation, die an der Lebensrealität vorbeigeht. Keine Geduld mehr für Narrative, die Verantwortung verschieben, statt sie zu übernehmen. Und keine Geduld mehr für ein System, in dem die Belastung immer wieder bei denselben Menschen ankommt, während an anderer Stelle erstaunlich wenig Bewegung stattfindet.

Wenn sich etwas ändern soll, dann beginnt es damit, dass man diese Dinge klar ausspricht, ohne sie weichzuzeichnen, ohne sie zu relativieren, und ohne so zu tun, als wäre das alles noch im Rahmen dessen, was sich von selbst wieder einpendelt. Und während man sich noch fragt, ob diese Entwicklung vielleicht nur ein Gefühl ist, ob man überreagiert oder Dinge zu düster sieht, kommen dann die Zahlen, die genau dieses Gefühl bestätigen und ihm eine unangenehme, kaum wegzudiskutierende Realität geben.

In der letzten IPSOS-Umfrage, wie sie unter anderem über dawum aggregiert wird, liegt die AfD bei 25 %, vor der CDU mit 24 %, während die politischen Kräfte, die einmal als Gegengewicht funktioniert haben, sich irgendwo darunter einsortieren, die Grünen bei etwa 14 %, angeschlagen von Kampagnen und Dauerbeschuss, die SPD weiter auf der Suche nach einem erkennbaren Profil, die Linke bei rund 11 %, stabil, aber weit entfernt davon, eine echte Gegenbewegung zu formen, die diese Dynamik aufhalten könnte.

Und während diese Zahlen im Raum stehen, während sie diskutiert, relativiert oder taktisch eingeordnet werden, bleibt ein Punkt bestehen, der sich nicht wegmoderieren lässt:
Hier steht eine Partei vorne, die vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingeordnet wird, und die sich anschickt, in kommenden Wahlen reale Macht zu gewinnen, nicht als Protestphänomen, sondern als gestaltende Kraft in Ländern, in Verwaltungen, in Strukturen, die den Alltag von Millionen Menschen direkt beeinflussen.

Das geschieht nicht im Verborgenen, nicht schleichend, nicht unbemerkt, sondern sichtbar, messbar, Woche für Woche, Umfrage für Umfrage, und gleichzeitig entsteht der Eindruck, dass diejenigen, die die Möglichkeit hätten, dem etwas entgegenzusetzen, sich in taktischen Spielchen, internen Konflikten oder strategischer Kurzsichtigkeit verlieren, während sich das Fenster immer weiter öffnet.

Besonders irritierend wird es an dem Punkt, an dem aus Teilen des konservativen Lagers, insbesondere aus der CDU, Stimmen lauter werden, die nicht mehr nur über Abgrenzung sprechen, sondern darüber nachdenken, die sogenannte Brandmauer aufzuweichen oder ganz fallen zu lassen, als wäre das eine normale politische Option und nicht ein fundamentaler Bruch mit dem, was nach der deutschen Geschichte eigentlich als Konsens gelten sollte.

Und genau hier entsteht dieses unangenehme Echo, dieses historische Gefühl, das man eigentlich gar nicht haben möchte, weil man gehofft hatte, dass bestimmte Lektionen endgültig gelernt wurden, und trotzdem drängt sich der Vergleich auf, weil auch damals politische Kräfte der Mitte geglaubt haben, sie könnten mit extremen Positionen taktisch umgehen, sie einhegen, sie nutzen, sie kontrollieren, und am Ende genau das Gegenteil erreicht haben.

Es ist kein Gleichsetzen, keine einfache Wiederholung der Geschichte, aber es ist ein Muster, das sich erkennen lässt, wenn man bereit ist, hinzusehen, und genau das macht es so schwer auszuhalten.

Denn während diese Entwicklungen stattfinden, während sich Zahlen verschieben und Grenzen aufweichen, bleibt dieses Gefühl zurück, dass man nicht nur Zuschauer ist, sondern dass gerade entschieden wird, in welche Richtung sich dieses Land in den nächsten Jahren bewegt – und dass viel zu viele Menschen so tun, als hätte man dafür noch unbegrenzt Zeit.

Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem sich alles entscheidet. Hier oben im Norden kennt man das Bild: ein Holzsteg, der weit ins Wasser hinausführt, stabil genug für jeden einzelnen Schritt, vertraut, fast beruhigend, solange man sich auf ihm bewegt, bis man irgendwann an diesem Punkt steht, an dem kein Brett mehr kommt, an dem der Weg einfach endet und nur noch das offene Meer vor einem liegt.

Ich habe das Gefühl, dass wir als Gesellschaft genau dort stehen.

Der Weg hinter uns ist sichtbar, nachvollziehbar, gebaut aus Entscheidungen, Kompromissen und Versäumnissen, und der nächste Schritt führt nicht mehr automatisch weiter nach vorne, sondern nur noch hinaus ins Ungewisse, dorthin, wo man nicht mehr so tun kann, als hätte alles noch eine einfache, sichere Richtung.

Und ich frage mich, während ich auf dieses Wasser hinausblicke, ob wir im nächsten Schritt anfangen, in unserem eigenen Hass zu versinken, in Schuldzuweisungen, Spaltung und Kurzsichtigkeit, oder ob irgendwo noch genug Klarheit, genug Verantwortung und genug gemeinsamer Wille existiert, um aus diesem Moment etwas anderes zu machen; vielleicht keinen perfekten Ausweg, aber zumindest einen Sonnenuntergang, der zeigt, dass noch nicht alles verloren ist.

Denn gerade fühlt es sich an, als hätten wir das Ende des Holzstegs erreicht.

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